Wie läuft eine zahnärztliche Zweitmeinung ab? Ein Fallbeispiel
- med. dent. Simon Hagin, eidg. dipl. Zahnarzt
- 29. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Viele Menschen, die sich bei mir melden, sagen sinngemäss denselben Satz: «Ich verstehe den Vorschlag nicht ganz – und ich weiss nicht, ob er wirklich für mich gemacht ist oder für die Praxis.» Um zu zeigen, was bei einer zahnärztlichen Zweitmeinung tatsächlich passiert, beschreibe ich hier einen Termin von heute. Der Patient hat freundlicherweise der anonymisierten Veröffentlichung zugestimmt.
Der Ausgangspunkt
Der Patient ist Anfang 70, allgemein gesund, nimmt keine Dauermedikamente, aber einige Nahrungsergänzungsmittel. Im Oberkiefer links steht eine grössere Sanierung an. Seine langjährige Zahnärztin schätzt er sehr – das ist ausdrücklich wichtig zu erwähnen, denn eine zahnärztliche Zweitmeinung ist kein Misstrauensvotum.
Was ihn beschäftigte, war etwas anderes: Er war wegen einer Zweitmeinung bereits bei zwei Praxen an seinem Wohnort und hatte beide Male den Eindruck, dass ihm vor allem eine Behandlung in dieser Praxis nahegelegt wurde – ohne dass hinterfragt wurde, ob sie überhaupt zu ihm und seiner Situation passt. Er wollte deshalb eine Einschätzung von jemandem, der ihn anschliessend nicht behandelt.
Genau das ist der Kern des Angebots: Ich behandle nicht. Ich beurteile.
Die Vorbereitung
Der Patient hat sich vorab per Mail gemeldet, sein Anliegen in wenigen Sätzen beschrieben und die aktuellen Röntgenbilder mitgeschickt. Röntgenbilder sind in einem Fall wie diesem entscheidend: Ohne sie bleibt jede Zweitmeinung eine allgemeine Plauderei über Behandlungsphilosophien; mit Bildmaterial wird sie eine Beurteilung seiner Situation.
Ich sichte die Unterlagen vor dem Termin gründlich, damit die gemeinsame Zeit nicht fürs Suchen draufgeht, sondern fürs Besprechen.
Was Sie mitschicken sollten
aktuelle Röntgenbilder (Einzelaufnahmen und/oder ein Panoramaröntgen, gerne auch ein DVT, falls vorhanden)
den Kostenvoranschlag oder Behandlungsplan
eine kurze Beschreibung: Was stört Sie? Was möchten Sie erreichen? Wovor haben Sie Respekt?
Der Termin selbst
Wir haben telefoniert. Für eine Zweitmeinung reicht das in den allermeisten Fällen – entscheidend sind die Bilder und ein Gespräch, in dem alle Fragen Platz haben. Wir sind vier Fragen durchgegangen.
1. Um welche Zähne geht es überhaupt?
Klingt banal, ist es nicht. Viele Patientinnen und Patienten haben einen Plan mit Zahnnummern in der Hand und wissen nicht, welche Zähne im Mund damit gemeint sind. Wir haben also zuerst geklärt, wo genau die Baustelle liegt: Oberkiefer links, im Seitenzahnbereich.

Der erste grosse Backenzahn an Position 26 fehlt schon seit Längerem. Es gab eine Brücke über die Lücke, die letztes Jahr gebrochen ist. Darauf hin haben die Zähne neue Kronen bekommen. Bei den beiden vorderen Zähnen (24 und 25) sind die Kronen nun nach nur einem Jahr ebenfalls abgebrochen und darüber hinaus zeigen sich Entzündungen bei den Wurzelkanalbehandlungen.
Vorgesehen ist von der Haus-Zahnärztin, diese drei Zähne – 24, 25 und 27 – zu entfernen und die entstandene Lücke mit zwei Implantaten und einer viergliedrigen Brücke zu versorgen.
2. Ist der vorgeschlagene Plan sinnvoll?
Meine Einschätzung war eindeutig: Ja. Der Plan ist solide, gut begründet, und die veranschlagten Kosten sind fair.
Das gehört zur Ehrlichkeit einer Zweitmeinung dazu. Ein grosser Teil meiner Beurteilungen läuft darauf hinaus, dass der ursprüngliche Vorschlag gut ist. Wer eine Zweitmeinung anbietet, um regelmässig Fehler zu finden, hätte einen ähnlichen Interessenkonflikt wie derjenige, der jeden Fall gerne selbst behandelt.
3. Gibt es eine Alternative, die besser ist?
Hier wurde es interessant – und das war der eigentliche Mehrwert des Termins.
Zahn 27 ist der letzte Zahn in dieser Reihe, er ist stabil und trägt eine fast neue Keramikkrone. Wenn es gelänge, ein Implantat an Position 26 zu setzen – also dort, wo der Zahn seit Langem fehlt –, könnte man 27 möglicherweise erhalten. Der Vorteil liegt weniger im Zahn selbst als in der Konstruktion: Statt einer grossen, durchgehenden Einheit hätte man mehrere kleinere. Und kleinere Einheiten lassen sich, falls Jahre später einmal etwas passiert, viel einfacher und günstiger reparieren, ohne dass gleich die ganze Versorgung infrage steht.
Das ist allerdings kein Selbstläufer. Ob die Wurzelkanalbehandlung an 27 wirklich gut ist, das sollte man in einem dreidimensionalen Röntgenbild sicherstellen. Dazu kommt: An einer Stelle, an der ein Zahn lange gefehlt hat, baut sich Knochen ab. Auf den vorliegenden Bildern wirkt das Knochenangebot an Position 26 nicht optimal. Zusätzlich muss die Schleimhautsituation stimmen, damit ein Implantat dort langfristig stabil bleibt.
Meine Empfehlung war deshalb nicht «machen Sie das so», sondern: diese Option und ihre Risiken nochmals mit der behandelnden Zahnärztin besprechen – anhand einer dreidimensionalen Aufnahme (DVT), die zeigt, wie viel Knochen tatsächlich vorhanden ist und wie es um die Wurzelkanalbehandlung von 27 steht.
4. Gibt es weitere Anliegen?
Bei diesem Patienten war klar, dass mehrere Zähne gezogen und mindestens zwei Implantate gesetzt werden müssen. Umso mehr beschäftigte ihn die Frage, was er selbst tun kann, damit sein Körper bei Extraktion und Einheilung gut mitspielt. Solche Fragen kommen im Praxisalltag oft zu kurz – nicht aus Desinteresse, sondern weil im Behandlungsablauf schlicht die Zeit dafür fehlt. Wir haben sie deshalb in Ruhe besprochen und auf seine Situation und seine Ernährungsgewohnheiten abgestimmt.
Was rund um Extraktion und Implantation sinnvoll ist – und was nicht –, habe ich hier zusammengefasst.
Was nach dem Termin passiert
Nach dem Gespräch erhält jeder Patient eine schriftliche Zusammenfassung per Mail. Das hat einen praktischen Grund: niemand kann sich an alles aus dem Gespräch erinnern. Die Zusammenfassung kann man in Ruhe nachlesen – und, wenn gewünscht, der eigenen Zahnärztin zeigen. In diesem Fall standen darin drei Punkte:
Der bestehende Plan – drei Zähne entfernen, zwei Implantate, darauf eine viergliedrige Brücke – ist eine gute, solide Option zu fairen Kosten.
Falls ein Implantat an Position 26 sinnvoll möglich ist und Zahn 27 dadurch erhalten bleiben kann, wäre das aus den genannten Gründen wünschenswert.
Ob das geht, entscheiden Knochen und Schleimhaut. Das ist mit der behandelnden Zahnärztin zu klären, allenfalls nach einem dreidimensionalen Röntgen (DVT).
Was eine Zweitmeinung leisten kann – und was nicht
Sie kann:
den vorgeschlagenen Plan einordnen: notwendig, sinnvoll, grosszügig oder übertrieben
die Kosten in Relation setzen
Alternativen aufzeigen, die im Erstgespräch nicht zur Sprache kamen
Ihnen die richtigen Fragen für das nächste Gespräch mitgeben
Sie kann nicht:
eine klinische Untersuchung ersetzen – Beweglichkeit, Zahnfleischsituation und Kaufunktion sieht man auf keinem Röntgenbild vollständig
die Beziehung zur behandelnden Praxis ersetzen
Der Patient aus diesem Beispiel wird die Sanierung im Herbst angehen – bei seiner Zahnärztin, der er vertraut, mit einer zusätzlichen Frage im Gepäck. Er will sich melden, wenn alles überstanden ist. Ich bin gespannt.
Unsicher bei Ihrem Behandlungsplan?
Sie haben einen Behandlungsplan erhalten und sind unsicher? Schicken Sie mir Ihre Unterlagen – ich schaue sie an, und wir besprechen sie in Ruhe. Ohne Eigeninteresse an der Behandlung.


