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Fallbeispiel – Keramik-Inlay oder Komposit? Eine Zweitmeinung zum Kostenvoranschlag

med. dent. Simon Hagin, eidg. dipl. Zahnarzt
9. Sept.
4 Min. Lesezeit

Beim letzten Fallbeispiel ging es um eine grosse Sanierung mit Implantaten im Oberkiefer. Diesmal ist der Fall kleiner – und gerade auch deshalb lehrreich. Denn eine Zweitmeinung lohnt sich nicht erst bei fünfstelligen Beträgen. Der Patient hat der anonymisierten Veröffentlichung zugestimmt.


Der Ausgangspunkt


Der Patient ist Mitte 30 und hatte von seinem Zahnarzt einen Kostenvoranschlag erhalten: ein Keramik-Inlay am hintersten oberen Backenzahn links (Zahn 27) sowie vier Füllungen im Seitenzahnbereich. Welche Zähne genau gefüllt werden sollten, ging aus dem Voranschlag nicht klar hervor.


Er wollte zunächst gar keine Beratung zur Behandlung oder zu den Kosten, sondern etwas Bescheideneres: eine neutrale Beurteilung seiner Röntgenbilder. Also die Frage vor der Frage – ist das, was da behandelt werden soll, auf den Bildern überhaupt zu sehen?


Warum der Vergleich zweier Röntgen-Aufnahmen entscheidend war


Der Patient hatte zwei Sätze Bissflügelaufnahmen: einen von Januar 2024 und einen von Juni 2026. Das ist für eine Beurteilung ausgesprochen wertvoll, denn eine einzelne Aufnahme zeigt nur einen Moment. Erst der Vergleich über zweieinhalb Jahre zeigt, was sich bewegt.


Und genau das ist bei Karies die entscheidende Unterscheidung. Nicht jede dunkle Stelle im Zahnzwischenraum muss gebohrt werden. Eine Läsion, die seit Jahren unverändert ist, kann oft beobachtet oder mit schonenderen Methoden behandelt werden. Eine Läsion, die sichtbar grösser geworden ist, ist aktiv – dort besteht Handlungsbedarf.


Was die Bilder zeigten


In den Röntgenbilder der Zahnzwischenräumen fanden sich viele solche Stellen, wo es "zu dunkel" ist. Einige hatte der Patient vermutlich schon seit seinen Teenagerjahren.

An einigen davon war im Verlauf eine klare Zunahme erkennbar, vor allem im Oberkiefer links und im Unterkiefer links. Andere Stellen waren über die zweieinhalb Jahre unverändert.


Der Kostenvoranschlag war also nicht zu umfangreich. Die eigentliche Frage war eine andere: in welcher Reihenfolge und nach welchem Kriterium behandelt wird.


Der Punkt, der genaueres Hinschauen verdiente


Am Zahn 27 liegt bereits eine Füllung. Darunter zeigt das Röntgenbild eine dunkle Stelle. So etwas kann Karies sein – es kann aber auch eine Luftblase sein, ein Unterfüllungsmaterial oder ein Kleber, der im Röntgenbild schlicht nicht sichtbar ist.


Zweitmeinung zum Röntgenbild von med. dent. Simon Hagin. Der zeitliche Verlauf ist oft entscheidend. Auch bei der Frage: Komposit oder Keramik?
Zweitmeinung zum Röntgenbild von med. dent. Simon Hagin. Der zeitliche Verlauf ist oft entscheidend. Auch bei der Frage: Komposit oder Keramik?

Der Befund ist über zweieinhalb Jahre unverändert geblieben. Das spricht eher gegen eine fortschreitende Karies. Und selbst wenn die Füllung ersetzt werden soll: Der Defekt ist nicht gross. Eine Komposit-Füllung wäre dafür die naheliegende, substanzschonendere und günstigere Lösung. Ein Keramik-Inlay ist ein erheblich grösserer Eingriff – technisch aufwendiger, etwa 1000 Franken teurer, und er kostet mehr gesunde Zahnsubstanz.


Wichtig ist mir dabei die Einschränkung: Ich habe den Patienten nicht im Stuhl gehabt. Ein Röntgenbild zeigt nicht alles. Vielleicht sieht sein Zahnarzt klinisch etwas, das die grössere Versorgung rechtfertigt – einen Riss, eine Randundichtigkeit, eine Höcker­situation. Meine Aussage lautete deshalb nicht «lassen Sie das nicht machen», sondern: Fragen Sie nach, was den Aufwand eines Inlays an diesem Zahn begründet. Diese Frage darf jeder Patient stellen, und jede Praxis kann sie beantworten.


Meine Empfehlung


Ich habe vorgeschlagen, auf der rechten Seite zu beginnen, wo die grössten und aktivsten Stellen liegen. Quadrantenweise zu arbeiten ist für Patienten angenehmer – und während der Behandlung sieht man unmittelbar, wie aktiv die Karies tatsächlich ist und wie die Zähne reagieren. Erst danach entscheidet man über die restlichen Stellen. Wenn die Karies sehr aktiv ist, dann braucht es auch bei den kleineren betroffenen Stellen Füllungen. Wenn sich bei der Behandlung zeigt, dass die Karies-Läsionen nicht so gravierend sind (merkt der behandelnde Zahnarzt daran, wie weich die Karies ist, welche Farbe die Karies hat etc.), dann kommen unter Umständen mikroinvasive Verfahren infrage, bei denen gar nicht gebohrt wird.


Der zweite, wichtigere Punkt: Mehrere neue, aktive Kariesstellen bei einem Patienten Mitte 30 sind ein Signal das etwas nicht stimmt.

Füllungen reparieren den Schaden, aber nicht die Ursache. Entsprechend ging unser Gespräch dann darum herauszufinden, woher das kommen könnte. Ohne eine Auseinandersetzung mit Ernährung, Zwischenraumpflege, Fluoridierung und den Recall-Intervallen wird für ihn in einigen Jahren die nächste Kariesbehandlung folgen und das wollten sowohl der Patient als auch ich verhindern.

Insbesondere beim Zähneputzen nach dem Zmittag und bei einer bisher mangelhaften Mineralienzufuhr durch die Ernährung waren Verbesserungen möglich.



Was daraus geworden ist


Der Patient hatte nun die Gewissheit: Die Kariesbehandlung mit Füllungen im Zwischenzahnbereich ist wirklich notwendig.

Er ging nun mit grundsätzlich guten Vertrauen zu seinem Zahnarzt zurück mit zwei Themen, die er mit ihm besprechen wird:

  • Gib es beim Zahn 27 einen Riss oder einen anderen guten Grund warum dort ein Karamik-Inlay empfohlen wurde?

  • hat er sich bereits eine sinnvolle Reihenfolge für die Kariestherapie überlegt, falls bei den "kleineren Stellen" eine weniger invasive Therapie genügt?


Er hat sich ausserdem vorgenommen zu verhindern, dass das mit der Karies bei ihm so weitergeht: er wird an seiner Ernährung und dem Zähneputzen über den Mittag etwas ändern sowie zweimal pro Jahr zur Dentalhygiene zu gehen anstelle von nur einmal.



Was Sie aus diesem Fall mitnehmen können


  • Heben Sie alte Röntgenbilder auf. Sie haben ein Recht auf eine Kopie Ihrer Aufnahmen. Der Vergleich über Jahre ist diagnostisch oft wertvoller als die neueste Aufnahme allein.

  • Fragen Sie nach der Begründung, nicht nach dem Preis. Nicht «geht das günstiger?», sondern «warum braucht dieser Zahn genau diese Versorgung?».

  • Reihenfolge anpassen ist eine echte Option. Sie müssen selten alles auf einmal machen lassen - und oft lässt sich so eine bessere, weniger invasive Therapie finden.

  • Bei wiederkehrender Karies ist die Ursache das eigentliche Thema. Sonst behandelt man dauerhaft Symptome.


Unsicher bei Ihrem Behandlungsplan?


Sie haben einen Therapievorschlag oder Kostenvoranschlag erhalten und sind unsicher? Schicken Sie mir Ihre Unterlagen – ich schaue sie an, und wir besprechen sie in Ruhe. Ohne Eigeninteresse an der Behandlung.



med. dent. Simon Hagin

Eidgenössisch diplomierter Zahnarzt

Bundesamt für Gesundheit BAG

Staatsexamen: 2015, Universität Zürich

Nachweis-ID: GLN 7601003559828

©2026 von zahnarztfragen.ch, med. dent. Simon Hagin, Michelstrasse 29, 8049 Zürich

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